„Ich sehe lauter Western-Hüte, aber nur einen einzigen Cowboy.“ Big John Bates’ Zuruf diente eigentlich der Vorstellung seiner Bassistin, die tatsächlich auf einer Farm groß geworden ist. Doch zugleich war die Aussage des Frontmanns der Big John Bates & The Voodoo Dollz eine treffende Charakterisierung sowohl des Publikums als auch der beiden Bands, die am Sonntagabend auf der Waldbühne Hardt zusammenfanden. Denn sowohl Big John als auch die Jungs vom Top-Act The Bosshoss haben in ihrem Leben noch keine fünf Minuten auf einer Ranch gearbeitet. Und dennoch verbreiten sie Western-Flair, als hätte jemand die „Bonanza“-Hütten der Ponderosa nach Wuppertal verlegt.
Oder nach Vancouver – aus der kanadischen Großstadt stammt Big John Bates, der der aktuellen Festival-Tour von The Bosshoss die Rolle des Anheizers übernimmt. Eine Revanche gewissermaßen: Vor zwei Jahren fragten die Berliner bei Big John Bates an, ob sie ihn auf seiner Kanada-Tour begleiten dürfen. Big John sagte „Ja“ – und fand sich deshalb nun samt seiner Dollz auf der Waldbühne wieder.
Musikalisch hatte Big John einiges zu bieten – eine Mischung aus Country, Rockabilly und Punk, die auf der randvollen Waldbühne super ankam und klarmachte, wohin die Reise auch bei Bosshoss gehen würde: Rock’n’Roll pur ohne Zeit zum Atemholen.
Vor rund fünf Jahren als Spaßcombo in Berliner Clubs gestartet, die berühmte Hits „countryfizierte“, ist aus The Bosshoss inzwischen eine ernstzunehmende Truppe geworden, die nun zum dritten Mal in Folge jeweils am letzten Sonntag im August die Waldbühne Hardt beehrte. Doch im Gegensatz zur 40. Wiederholung von „Rio Bravo“ im Fernsehen hatte bislang jeder Bosshoss-Auftritt einen völlig neuen Inhalt. Dieses Mal mit Spannung erwartet: Die Umsetzung des neuen Albums „Do Or Die“ auf der Bühne, mit der sich die Cowboy-Rocker endgültig vom Image der Coverband befreiten.
Textsicheres Publikum geht auch bei den neuen Songs euphorisch mit
Den Beweis dafür, dass sie eigene Hits schreiben wie zelebrieren können, traten Boss Burns & Co. auch auf der Hardt an. Natürlich befinden sich in ihrem Set noch Gassenhauer wie „Ca plane pour moi“ von Plastic Bertrand. Doch der Löwenanteil lag auf den eigenen, neuen Songs – die richtig gut zündeten. Die Fans tragen den Kurs der „neuen“ Bosshoss mit, das zeigte bereits der Charterfolg des Albums. Doch welche Euphorie den konsequenten Feinripp-Trägern auf der Hardt-Bühne entgegenschlug, damit war nicht unbedingt zu rechnen.
Textfest zeigte sich das Publikum nicht nur beim Mitgröhlen der Hymnen wie „Yeehaw“, sondern auch bei den neuen Tracks. Und wenn die Country-Rocker „Do The Hip Shake“ singen, lässt sich die Ü-30-Western-Party auf der Hardt nicht lange bitten und schwingt die Hüften. Das beste Konzert der Berliner, das die Waldbühne bislang erleben durfte. Wiederkommen erwünscht.



